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Je suis depolarisée!

Projekt Speckweg #2 | Hunger

Im heutigen Beitrag soll es um das Thema Hunger gehen und wie ich ihn von Appetit oder der Gier unterscheide. Ich nenne es Gier, weil der Begriff “Heißhunger” nach meiner Auffassung dem Problem nicht gerecht wird. Die Krux liegt tatsächlich in der Unterscheidung der verschiedenen Formen des Wunsches, Nahrung aufzunehmen.

Eigentlicher Hunger: Wenn man den halben Tag nichts gegessen hat, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man wirklich echten eigentlichen Hunger hat. Der Körper verlangt nach Nährstoffen. Hunger kommt schleichend und vor allem lässt er sich unter normalen Bedingungen gut aushalten. Eigentlicher Hunger muss nicht in der nächsten Sekunde gestillt werden. Man kann ihn zu Recht als unangenehm empfinden, aber man wird “nicht gleich vom Fleisch fallen”, wenn man auf die nächste Mahlzeit noch eine Stunde warten muss. Bei eigentlichem Hunger ist es – zumindest nach meiner Erfahrung – relativ (!) egal, was ich dann esse.
Ich bin sogar in der Lage, geeignete Speisen auszuwählen oder was Richtiges zu kochen, wenn ich einfach nur Hunger habe.

Die Gier hingegen verlangt nach sofortiger Befriedigung und konzentriert sich häufig auf ein bestimmtes Lebensmittel. (Gerne Chips und Schokolade, seltener Radieserln oder Äpfel…seltsam)

Der Appetit kommt in beiden Varianten vor. Ich kann Hunger haben und Appetit auf Spaghetti Bolognese und kann mir die Zeit nehmen, diese zuzubereiten. Die Gier auf Schokolade lässt mir diese Zeit nicht.

Tatsächlich haben Gier und Hunger “Orte”, wo man sie spüren kann. Es dauert allerdings, das herauszufinden. Mitunter Jahre.
Neulich kaufte ich mir in der Früh in der Bäckerei die Brezn für mein Mittagessen. Aus einer Laune heraus kaufte ich auch eine Rosinensemmel. Noch während ich beide Tütchen in meine Tasche steckte, überkam mich eine große Gier, diese Rosinensemmel sofort zu essen, obwohl ich eine Minute zuvor noch keinerlei Hunger verspürt hatte. Parallel dazu setzte ein seltsames ziehendes Gefühl in der unteren Rippengegend ein. Diese Erkenntnis, dass ich möglicherweise gerade ein Unterscheidungsmerkmal gefunden hatte, hat mich dann schlagartig fasziniert. Ich konnte die Rosinensemmel in die Tasche packen. Und ohne das Erlernen des Hungerhabens, wäre mir das vermutlich noch lange nicht klargeworden.
Mein Erkenntnishunger (haha!) ist übrigens recht ausgeprägt. Ich konfrontiere mich ab und zu gerne mit Lebensmitteln, die ein gewisses Gierrisiko bergen und zu sehen, ob sich das “Ziehen” reproduzieren lässt.
Das tut es. Und ich kann das Lebensmittel tatsächlich stehen lassen, wenn es nicht in den Kalorienplan passt. Das ist auch seltsam.
Woran ich noch arbeiten muss, ist die Frage, warum die Gier überhaupt auftritt.

Das Weglassen des Frühstücks durch die Erkenntnis, dass ich in der Früh nicht unbedingt etwas essen muss oder will, und habe dann den halben Tag Zeit, auf das Hungergefühl zu warten. Irgendwann setzte dann tatsächlich ein Gefühl in der Magengrube ein, aber kein Verlangen, unmittelbar etwas zu essen. Ich reize das an manchen Tagen echt aus, um zu spüren, wie sich Hunger anfühlt. Bei den meisten Diäten, die in meinem Leben bisher gemacht habe, ging es (mir) vor allem darum, das Hungergefühl (oder was ich dafür hielt) in Schach zu halten. Diesmal liegt ein Nebenziel darin, Hunger zu lernen und quasi als Verbündeten anzusehen, wenn es um den richtigen Zeitpunkt für’s Essen geht und vor allem auch, um die richtige Menge an Essen auszuloten. Und zu lernen. Gier auszuhalten. Mein Verhältnis zum Essen hat sich sehr geändert.

An Tagen, wo ich mir meine Essenszeiten nicht selbst ausssuchen kann, esse halt im Zweifel auch dann nichts, wenn ich Hunger habe, weil ich etwa Abends ins Restaurant gehen möchte und mir das Kalorienbudget einteilen muss.

Ich verstehe auch das Gewese um die Bedeutung regelmäßiger Mahlzeiten nicht mehr. Wenn man ein ungesundes Verhältnis zu Essen hat, ist das nach meiner ganz persönlichen Auffassung eine ziemlich dumme Idee. Essen ohne Hunger zu haben, Essen allein aus (gesellschaftlicher) Konvention etc ist eher eine Garantie dafür, ein persönliches Problem nie so richtig in den Griff zu kriegen. Ach ja, es gibt auch Leute, die regelmäßigen Mahlzeiten predigen und einem bei eben diesen Mahlzeiten Vorhaltungen machen, man sei zu dick und würde falsch essen. Besorgt euch doch bitte ein eigenes Leben!

Aus diesem Grund sehe ich die ewigen Predigten, auch dann zu trinken, wenn man gerade keinen Durst hat, etwas kritisch. Es wäre wichtiger, das Durstgefühl in seinen Abstufungen wahrzunehmen und dann zu trinken und es nicht zu übergehen und sich dann ein eine App zu installieren, die einen ans Trinken erinnert. Ihr findet das idiotisch? Ich auch.

5 Comments

  1. Ich hab für mich zwei Unterscheidungen entdeckt:

    a) den “eigentlichen Hunger” wie bei dir auch, aber bis dahin kann es lange dauern. Ich frühstücke auch nicht und wenn’s Mittagessen erst um zwei oder noch später gibt, ist es auch kein Drama. Also 18h oder so ohne Mahlzeit ist stressfrei möglich.

    b) Und so ein Insulin-Blutzucker-Loch, das so ein zwei, drei Stunden nach einer kohlenhydratreichen (hochglykämischen?) Mahlzeit auftritt. Das ist dann wirklich so ein am-Tisch-kratzen-ich-kann-nicht-mehr-denken-wenn-ich-nicht-SOFORT-was-esse Gefühl … obwohl ich doch eigentlich grad vorhin ein ganzen Mittagessen hatte. Da kann ich auch echt grantig werden, wenn ich nicht gleich was (Süsses) zu essen bekomme. Und ab da ist Tag kalorien-technisch eigentlich schon gelaufen, das wird nichts mehr :-)

    Von daher besteht meine persönliche Gewichtskontrolle neben reinen Kalorienzählen primär aus Insulin-/Blutzucker-Level Management.

  2. Gier kam bei mir immer auf, wenn ich bestimmte Lebensmittel als “verboten” einstufte und versuchte, diese dann zu vermeiden. Nach drei Wochen war dann Schluss und ich konnte meine Gier nicht mehr zügeln. Dann habe ich mich immer erst mit gesundem Zeug vollgestopft, ohne diese Gier (oder Appetit auf Schokolade) zu befriedigen, mit dem Resultat, dass ich am Ende die Schoki doch noch gegessen habe und unterm Strich viel mehr Kalorien zu mir genommen habe, als wenn ich gleich die Schoki gegessen hätte.

    Irgendwann habe ich mir dann deshalb gesagt, dass es keine verbotenen Lebensmittel gibt. Und wenn ich Hunger habe und Appetit auf Schokolade, dann lasse ich halt den ganzen gesunden Kram weg und esse statt dessen Schokolade. Klappt hervorragend.

    • dyfa

      October 3, 2017 at 12:10

      Ich esse fast täglich Schokolade. Weil es geht. Aber halt wenig.

    • Ich habe über ein halbes Jahr keinen Industriezucker, kein Weißmehl und wenig Obst gegessen und nach 2 Wochen war der Hunger auf einfache Kohlenhydrathe verschwunden. Klar gab es Momente, wenn Schoko vor mir lag, in denen ich dachte “Och, war ja immer ganz lecker, könnte ich wohl jetzt auch essen” aber wirkliches Verlangen danach war nicht da, eher so ein Appetit.

  3. Ich kenn das auch, diesen Unterschied zwischen Hunger und absolut unglaublicher Gier. Bei mir hat Gier sehr viel mit Emotionen zu tun. Ich “esse” meine Gefühle – a.k.a. ich interpretiere andere Gefühle wie Angst, Wut, Trauer, Melancholie, … als Hungergefühl.

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