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Sonntagsrant statt Sonntagsrede

Gehalten auf dem Bezirksparteitag Oberbayern am 23.11.2014 in Geretsried. Inhalt vermutlich von bundesweiter Anwendbarkeit.

Hallo Piraten,

waren das noch herrliche Zeiten, als uns die Wahlerfolge
wie gebratene Tauben in den Mund flogen.
Jetzt sind die Umfragen und Wahlergebnisse im Arsch
und so mancher Pirat lässt sich nur noch mit Mühe
hinter dem warmen Ofen hervorlocken.
Infostand? Och nö, lieber die Fußnägel abkauen,
weil jemand auf Twitter was Blödes gesagt hat.
Oder andere wegen irgendwelchem internen Müll ankacken.
Das fällt scheinbar leichter, als dem politischen Wettbewerb
auf den Teppich zu scheissen.
Und erfordert im Zweifel auch weniger Faktenwissen.

Ja, Damals war alles super. Inzwischen ist die Party vorbei,
viele Gäste sind gegangen und ich glaube nicht,
dass es wieder so wird wie damals. Aber es wird anders.
Wir – die politische Bewegung und die Partei – entwickeln uns weiter.
Es bringt nichts, alten Zeiten hinterherzutrauern
oder den „Geist von 2009“ wieder heraufbeschwören zu wollen.
Das ist konservativ. Und stinkt nach Mottenkugeln.

Manchmal denke ich, der Hype war das Beste und
zugleich das Schlechteste, was uns passieren konnte.
Hypes sind wie Sintfluten.
Alles, was nicht festgezurrt ist, wird weggespült.
Und oben auf der Welle sieht man nicht, was unten alles absäuft!
Was übrig bleibt sieht man, wenn’s vorbei ist. Oftmals nicht viel.

Um bei den biblischen Vergleichen zu bleiben:
Die Vertreibung aus dem Umfrageparadies,
die Bewachung der Tore durch die Erzengel Emnid und Forsa
und das Hinausstoßen in die kalte Ödnis
der politischen Bedeutungslosigkeit und
der harten politischen Arbeit schmerzt ganz
gewiß vor allem diejenigen, welche sich schnelle Erfolge
erhofft hatten.

“Die Politik”, schrieb Max Weber 1919,
„bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“
Anders gesagt: Politik ist nichts für Däumchendreher,
für Schnarchnasen und Fußnägelknabberer.

Hat jemand von euch nach der Bundestagswahl 2009
oder vor Berlin ernsthaft geglaubt, dass der Einzug
in die Parlamente wie eine Art Lotteriegewinn funktioniert?
Man kauft ein Los und mit ein bisserl Glück sitzt man im Bundestag.
Oder so.

Seid ihr vielleicht Schönwetterpiraten?
Die erst beim nächsten Umfragehoch wieder so richtig
in die Puschen kommen?
Seid ihr immer nur Fan von dem Fussballclub, der gerade
den Meistertitel geholt hat?

Eine Partei ist doch kein Schulheft, dass man wegwirft,
wenn man sich ein paar Mal verschrieben hat und
damit keinen Preis mehr im Schönschreiben gewinnen kann.

Dazu haben wir doch zu viel zu sagen und viel zu bieten.
Wollt ihr die Etablierten wirklich die
digitale Revolution kaputt machen lassen ?
Ihren Überwachungswahn auf allen Gebieten ausleben lassen?
Nicht mal auf dem Klo hat man seine Ruhe! Der Krankenkassen APP
sei Dank. Unsere Arbeit fängt gerade erst an!

Klar ist das schwer mit ausschließlich ehrenamtlichen Strukturen,
aber so ist es nun mal.
Mitgliedsbeiträge zu zahlen, wäre übrigens schon mal ein Anfang.
Allein, dass ich das erwähnen muss, ist schon gruselig.

Was wollt ihr eigentlich?
Endlich wieder die coolste Sau auf dem Hof sein?
Noch einen Hype? Wieder überrannt werden? Sich keinen Kopf machen
müssen um Strukturen? Weggespült werden von einer Erfolgswelle?

“Die Presse ignoriert uns!”
Klar ignorieren die uns, wenn wir den Arsch nicht hoch kriegen.
Um fit zu werden, reicht es nicht, nur Mitglied im Sportstudio zu sein.
Ihr müsst auch HINGEHEN! Das ist leider anstrengend.
Aber von nix kommt nix.

Und wo werdet IHR sichtbar?
In eure Tätigkeitsberichte schreibt ihr, dass ihr Mails verschickt habt.
Und sonst so?
Habt ihr schwer atmend auf dem Sofa gelegen und
den Zustand der Partei beklagt?
Wer sich nicht bewegt, bewegt auch nix.

Wer sind nur diese Piraten, die nur Dinge tun,
wenn jemand hinter ihnen steht. Und die Peitsche schwingt.
Hört doch auf die Asche anzubeten!
Gebt endlich wieder das Feuer weiter!

Was wir jetzt brauchen, ist die Umsetzung unserer Themen
in Aktionen. zB beim Kampf gegen Überwachung,
für Bürgerrechte, Teilhabe. Programm haben wir reichlich.
Wir brauchen öffentliche Aktionen! Mehr Öffentlichkeitsarbeit!
Mehr Kampagnen! zB WLAN Störerhaftung. zB Überwachung!
Und wir brauchen jede Hand. Jede!
Wenn Ihr was macht, dann kommuniziert es auch!
Wenn niemand davon weiss,
ist es so, als hätte es nie stattgefunden.
Zieht euch die T-shirts, die Buttons an und raus mit Euch.
Gebt Euch als Piraten zu erkennen, vernetzt Euch.
Jeder Bürger sollte mal Kontakt zu einem Piraten gehabt haben,
um die dusseligen Vorurteile loswerden zu können.
Fangt endlich an politisch zu arbeiten.
Der Appetit kommt beim Essen.
Auch wenn das Klinkenputzen zunächst sehr mühsam erscheinen mag.

Ich fordere von euch, politisch zu arbeiten.
Ausschließlich parteiinterne Vorgänge zu kommentieren,
ist KEINE politische Arbeit.
Wozu seid ihr in eine Partei eingetreten?
Politik besteht nicht nur aus Plakatekleben. Aus dem Dreck können wir
den Karren aber nur gemeinsam ziehen.
Und dazu muss jeder seinen Teil beitragen.

Denkt bitte immer daran, warum ihr PIRATEN seid!
Weil ihr ohne Überwachung leben wollt.
In Freiheit und selbstbestimmt.
Weil ihr findet, dass Demokratie zu wichtig ist, um ihre Gestaltung
multinationalen Großkonzernen überlassen darf.
Weil ihr findet, das Abkommen á la TTIP, CETA & Co die
staatliche Souveränität zerstören.
Weil ihr glaubt, dass Teilhabe allen Menschen möglich sein muss.
Weil ihr glaubt, dass die Herkunft eines Menschen nicht seine
Zukunft bestimmen darf.

Weil euch täglich, wenn ihr die Zeitung aufschlagt, neue Gründe einfallen,
warum ihr Piraten seid und sein müsst.

Für Freiheit.
Für Bürgerrechte.
Für Transparenz.
Für Kontinuität.
Und für Teamwork!

Gemeinsam geil!

Kandidaturrede 2014

Meine Rede zur Kandidatur zur Vorsitzenden der Piratenpartei Bayern.

Ich bin vor einiger Zeit mit Olaf Zug gefahren und wir haben dabei lange und intensiv geredet Darüber was wir noch alles vorhaben und was man noch alles machen könnte-müsste-sollte. Als nächstes haben wir dann festgestellt, dass wir das in der verbleibenden Amtszeit bis zu *diesem* Landesparteitag nicht mehr stemmen können. Gerade politische Kampagnen brauchen länger, als man meint. An inhaltlicher und logistischer Vorbereitung, eventuell juristischen Prüfungen, dem Gewinnen von Bündnispartnern. Und durchführen muss man sie ja dann auch noch. Das zieht sich und wird oft vom politischen Tagesgeschäft überlagert.

Ich trete für eine zweite Amtszeit als Landesvorsitzende der Piratenpartei Bayern an.
In meiner ersten Amtszeit trat ich mit dem Ziel an, ein politischer Landesvorstand zu sein. Was zum Zeitpunkt der Wahl nicht absehbar war, dass die Piratenpartei in dieser Amtsperiode in ihre bis dahin lebensbedrohlichste Krise geraten würde. Jetzt geht es darum, nach vorne zu schauen und unsere Themen voranzutreiben.

Warum trete ich nochmal an:

Ich bin nicht fertig geworden, was auch dem Bombergate zu verdanken ist.

Vieles von dem, was ich machen wollte, konnte noch nicht mal anfangen. Ich bin der Ansicht, dass die Piraten mehr Kontinuität brauchen.

Ich finde auch, dass ich den Job allen Widrigkeiten zum Trotz ganz gut gemacht habe.

Wir haben es derzeit extrem schwer Köpfe zu platzieren, die über unsere Themen sprechen und die Köpfe wechseln dann auch noch alle Nase lang. Die Leute wollen Identifikationsfiguren – also solche an denen sie die Piraten identifizieren können. Vielleicht auch solche, in denen sie sich selbst wiedererkennen.

Im Moment kämpfen wir um jede Presseerwähnung. Auch deswegen ist Kontinuität wichtig, damit die Medien sich nicht jedesmal mit neuen Leuten anfreunden müssen, die sie nicht kennen und nicht einschätzen können.

Wenn du willst, dass es gemacht wird, mach es selbst. Wenn ich hier gestaltend eingreifen will, muss ich es selbst in die Hand nehmen. Auch wenn es bequemer wäre, online
auf dem Sofa zu schimpfen.

WIR müssen die inhaltliche Arbeit stärken, nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch Lösungen anbieten.

Wir müssen in eine innerparteiliche Wertedebatte einsteigen (Freiheit, Transparenz und was weiter?)

Wir müssen selbst den roten Faden schaffen, an dem wir unser Programm ausrichten können.

Wir müssen das Grundsatzprogramm überarbeiten, stringenter machen (auch im Bezug auf Werte) und erweitern, vielleicht auch Positionen rausnehmen, zB weil sie redundant sind.

Weitere Positionen finden, bisherige Positionen überarbeiten, und das Programm insgesamt verständlicher machen.

Ganz wichtig: Innerparteiliche politische Bildung Praktisches Beispiel: Battlecards zu den Themen erstellen und im Idealfall sogar Leute für die Arbeit an den Infoständen schulen, damit sie den Wählerinnen und Wählern Rede und Antwort stehen können und sich dabei nicht unsicher fühlen. Auch das ist innerparteiliche politische Bildung.

Der Job des Vorstands ist es, hier die Rahmenbedingungen zu schaffen, NICHT, das Programm zu schreiben. Wir können aber nur begrenzt als Animateure wirken, wenn von euch keiner Lust hat auf inhaltliche Arbeit, dann bleibt das Programm wie es ist. Wenn nur eine Handvoll Leute inhaltliche Arbeit machen will, gestalten die das Programm und drücken ihm den Stempel auf. Mitmachpartei funktioniert nur, wenn auch Leute mitmachen.

Programmatisch:

Vorstände können kein Programm ändern. Wir können die vorhandenen Themen anschauen und auf ihre konkrete Umsetzbarkeit im Rahmen unserer Möglichkeit als Partei ausserhalb der Parlamente prüfen, dafür Kampagnen in Zusammenarbeit mit euch entwickeln und inhaltliche Schwerpunkte setzen, bei den Themen, die wir nach Aussen tragen. Und wir müssen unsere kommunalen Abgeordneten unterstützen. Logistisch und inhaltlich.

Was sind die wichtigsten Themen?

Wir werden als Partei für Netzpolitik wahrgenommen.
Das ist unser Pfund.
Damit müssen wir wuchern. Auch wenn mir das hinsichtlich der sozialen Themen weh tut.
Trotzdem müssen wir den Fuß wieder in die Tür bekommen. Wenn wir eine Cryptoparty veranstalten oder ich mich eine halbe Stunde auf einen Platz in München setze und Snowden- Texte vorlese, kommt die Presse. Da müssen wir unsere Schwerpunkte setzen. Angesichts der lückenlosen Überwachungsmaschinerie ist der Kampf gegen Überwachung und für den Erhalt der Freiheitsrechte das zentrale Thema. Das überragt aus meiner Sicht alles.
Hinzu kommt TTIP, weil hier Demokratie und Bürgerrechte bedroht sind.
Die digitale Agenda.
Dann: Die Unabhängigkeit der Justiz als Ableitung vom Einsatz für Bürgerrechte.
Was mir aber sehr wichtig ist:
Wir müssen IMMER einen Bayernbezug herstellen, sofern das Thema das zulässt. Bei TTIP ist das beispielsweise die drohende Zulassung von Gentechnik in der bayrischen Landwirtschaft, Fracking in den Regionen Bayerns Demokratieabbau (CSU-Filz) usw. usw. Wir müssen aus dem TTIP-Komplex die Unterthemen rausgreifen, bei denen sich der Bayernbezug herstellen lässt.
Als Landesverband machen wir Landespolitik.


Der ungehaltene Teil:

Die Piraten hatten damals mit Zensursula ihren ersten starken Mitgliederzuwachs. Ich glaube nicht, dass es wieder so wird wie damals. Es wird bei allem nie wieder so wie früher. Wir als politische Bewegung, ja als Partei entwickeln uns weiter. Wir bleiben nicht stehen. Wenn du dich selbst als liberale und oder explizit progressive Partei siehst, darfst du nicht an den guten alten Zeiten kleben und versuchen, den „Geist von 2009“ zu konservieren. Das ist konservativ.
Dann gibst du nicht das Feuer weiter, sondern bewahrst nur die Asche auf.

Die fetten Zeiten sind vorbei. Im Moment leben wir von der Hand in den Mund, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht. Hier muss noch mehr Struktur rein. Struktur im Sinne von Planung und Vorbereitung von themenbezogenen Aktionen mit denen WIR Themen setzen und nicht nur auf die Vorlagen des politischen Wettbewerbs reagieren im Sinne von „XY finden wir auch doof!“

Und auch Struktur im Sinne von Infrastruktur, die es den Piraten vor Ort ermöglicht, bei lokalen Aktionen schneller und mit weniger Aufwand zu agieren. Was allerdings schwierig wird, wenn wir selbst bei einem Thema wie dem Justiz VB von den Medien weitestgehend ignoriert werden. Selbst von denen, die das Thema an sich auf der Agenda haben. Mit den Schmuddelkindern mag keiner spielen. Was dem Bündnispartner übrigens nicht besser ergeht.

Die SG Presse funktioniert schon gut, die SG Digitale Medien ebenfalls. Was wir jetzt brauchen, ist die Umsetzung unserer Themen in Aktionen. zB beim Kampf gegen Überwachung, für Bürgerrechte, Teilhabe. Wir haben ja reichlich Programm. Mehr Aktionen durchführen (wie die Snowdenlesung) begleitet von Öffentlichkeitsarbeit Kampagne zB WLAN Störerhaftung (zusammen mit Olaf). Wir brauchen die Presse als Multiplikator. Ob das weitere Volksbegehren sind, möglicherweise politisch motivierte Klagen, andere Maßnahmen, müssen wir sehen. Es ist auch davon abhängig, was sich wie umsetzen lässt. Es ist aber NICHT so, dass deswegen kleinere Aktionen unter den Tisch fallen sollen, im Gegenteil. Wenn wir ein paar große Sachen durchziehen, wollen wir damit auch Infrastruktur (zB durch Sgs, Tools, Druckvorlagen usw.) bereitstellen, die es Piraten vor Ort ermöglichen, einfacher eigene Aktionen durchzuführen. Bei der Gelegenheit müssen wir dann auch zusammen mit den Bezirken über die Beschaffung von Werbemitteln reden.

Bleibt das Problem der dünnen Personaldecke. Meine Hoffnung ist, dass wir nach den ganzen Wahlkämpfen und der Selbstzerfleischung endlich wieder in die politische Arbeit reinkommen. Nein. Ich hoffe es nicht. Ich fordere das von euch. Ich fordere von euch, politisch zu arbeiten. Warum seid ihr sonst in eine Partei eingetreten?

Dafür sind wir als Partei schließlich da – und wir müssen drüber wieder Leute motiviert bekommen, reaktiviert oder vielleicht sogar neue Mitstreiter. Und Politik besteht nicht nur aus Plakatekleben. Aus dem Dreck können wir den Karren aber nur gemeinsam ziehen.

Ich stehe hier, weil ich für eine zweite Amtszeit euer Vertrauen
möchte.
Für Freiheit.
Für Bürgerrechte.
Für Transparenz.
Für Kontinuität.
Und für Teamwork!

Tätlichkeitsbericht 2013/14

Mein Rechenschaftsbericht auf dem Landesparteitag der Piratenpartei Bayern am 13.09.2014 in Regensburg:

Tätigkeitsbericht Nicole Britz

Hallo Landesparteitag, liebe Gäste, sehr geehrte Pressevertreter,

es kommt mir vor als wäre des Parteitag in Sonthofen erst vor einem Monat gewesen, aber es ist wirklich schon fast ein Jahr her.

Dieses Jahr war in vielerlei Hinsicht das härteste Jahr seit ich in der Piratenpartei bin.

Zunächst die Kommunalwahl in Bayern mit dem sehr mühseligen Sammeln von Unterschriften und dem Wahlkampf mitten im Winter. Widrige Rahmenbedingungen. Also alles wie immer. Inzwischen haben wir in Bayern 13 kommunale Mandate. Worauf wir wirklich stolz sein können. Wir haben hart dafür gekämpft. Jetzt können wir zeigen, was wir drauf haben.

Wir haben sogar eine Regierungsbeteiligung. Übrigens hier in Regensburg. Deswegen an dieser Stelle einen begründeten Gruß an Tina Lorenz, die ihren Job hier wirklich großartig macht.

Und während der Kommunalwahlkampf in Bayern in den letzten Zügen lag, kam ein bahnbrechendes Ereignis ganz anderer Art über uns: Das Bombergate.

Ich bin heute noch entsetzt. Und das inzwischen weniger über den eigentlichen Auslöser der Katastrophe als über die verbalen Entgleisungen, die ich bei vielen bislang geschätzten Mitstreitern lesen und hören musste.

Es wurde dabei derartig viel Porzellan zerschlagen, dass wir immer derzeit immer noch von Papptellern essen.

Der Wahlkampf zur Europawahl gestaltete sich entsprechend schwierig.

Viele erschöpfte Piraten (für uns Bayern der fünfte Wahlkampf in Folge) konnten sich insbesondere nach dem Bombergate kaum noch aufraffen etwas zu tun. Die Partei war desillusioniert, demotiviert, gelähmt.

Die Zeit zwischen dem Bombergate und dem außerordentlichen Bundesparteitag in Halle empfand ich als außerordentlich anstrengend und schwierig.
Bloß meine eigene Motivationslage nicht nach außen tragen.

Weitermachen, mit Leuten reden, handeln, stundenlang quer durch die Republik telefonieren, Eskalationsmanagement betreiben und nebenher den abdriftenden Kahn so weit es geht auf Kurs halten, während viele Piraten von Bord gehen und andere noch zusätzlich Feuer auf dem Schiff in Seenot legen.

Nach dem letzten Bundesparteitag bin ich jedoch wieder zuversichtlich. Ich bin überzeugt, dass wir eine Chance haben, wenn wir uns um unsere Themen kümmern, statt um unsere Befindlichkeiten. Wenn wir ein Team sind. Wenn wir nicht zurückschauen, sondern nach vorne.

Was haben wir vorzuweisen:

Das ist schwierig zu sagen, weil es für den LV so wenig “messbare”
Ergebnisse gab.
Wir haben vieles geordnet und gerade gezogen, haben Arbeit
ermöglicht und unterstützt. Die Außenwahrnehmung des LV Bayern ist gefühlt besser geworden.
Wir haben die Kommunalwahlen unterstützt.
Den Europawahlkampf mit den vorhandenen Mitteln und der vorhandenen Personaldecke durchgezogen. Trotz der miesen Rahmenbedingungen.
Wir haben Unterstützung für andere Lvs und deren Landtagswahlkampf bereitgestellt.
Wir haben Krisenintervention im Bund und in Bayern betreiben müssen.
Es gab ein Medienecho zum Thema „Onlinewahlen“, weil wir als Onlinepartei eine unerwartete Position bezogen haben.
Wir wurden Bündnispartner beim Volksbegehren für eine
unabhängige Justiz
Wir haben Kante gezeigt gegenüber Leuten, die nach unserer Auffassung gegen die Ziele der Piratenpartei arbeiten.
Wir haben die Pressearbeit zusammen mit dem Team verbessert
Wir haben uns ein Standing erarbeitet, in der Partei, im Bund, beim politischen Wettbewerb, bei der Presse und das muss auch noch weitergehen.
Wir haben Feuermelder und Wunschzettel installiert um Shitstorms und Wünsche an den Vorstand besser zu kanalisieren.

Was ich ansonsten so getan habe, lässt sich auf meiner Wikiseite nachlesen.

Als ich vor einem Jahr angetreten bin, wollte ich in diesem Rechenschaftsbericht viele Dinge über viele politische Aktivitäten erzählen, die wir in dem Jahr auf die Beine gestellt haben. Statt dessen waren wir gezwungen uns mit schöner Regelmäßigkeit mit größtenteils überflüssigen und inszeniert wirkenden Shitstorms und den nachfolgenden Feuergefechten zu befassen.

Es gibt Personen in dieser Partei, die unfassbar viel Arbeit und Zeit investieren, um politische Aktivitäten zu verhindern und die Energie der aktiven Piraten in Selbstbeschäftigung zu binden. Über die Motivation dahinter kann ich nur spekulieren. Warum treten Leute in eine POLITISCHE PARTEI ein, um dann eine beschissene Seifenoper daraus zu machen?

Eine Partei ist kein Selbstzweck. Und auch keine Beschäftigungstherapie für Leute, die sich im Grunde nicht für Politik interessieren. Es ist für Vorstände auf allen Gliederungsebenen sehr schwierig, sich diesen Brandstiftungen zu entziehen, weil man eben nicht alles aussitzen kann. Ja, ich sage hier bewusst aussitzen. Ich bin übrigens nicht mehr bereit, Leuten eine Bühne zu bieten auf der sich sich profilieren können, mit Dingen die den Zielen und Werten dieser Partei zuwiderlaufen.

Unser Job ist es, Politik zu machen.
Wir haben ein fettes Programm.
Wir haben wichtige Themen, die heute aktueller sind als je zuvor.
Wir haben dazu auch etwas zu sagen.
Wir haben Forderungen und Veränderungsvorschläge
für Politik und Gesellschaft.
Aber sobald irgendein Parteimitglied etwas Dummes sagt oder tut, sind Tausende von Piraten bereit, alles stehen und liegen zu lassen und auf denjenigen draufzuhauen. In aller Öffentlichkeit. Und sich dann nach dem nächsten Wahldebakel gegenseitig die Schuld an dem Desaster vorzuhalten.
Wollten wir nicht alles anders machen?
Also anders im Sinne von besser?

Meinungsbild: Können mal diejenigen ihre Ja-Karte hochhalten, die meinen, diese Art der Selbstbeschäftigung würde zur Verbesserung dieser Gesellschaft beitragen?
Diejenigen, die Ja-Karte im Ernst hochgehalten haben, sollen bitte gehen. Ihr verschwendet eure und unsere Zeit. Geht woanders spielen.

Diejenigen, die sich jetzt nicht gemeldet haben, werde ich beizeiten daran erinnern.
Macht euch klar, dass wir nur ein kurzes Zeitfenster haben, den Überwachungsstaat wenigstens zu bremsen und die Freiheit zu retten.

Wenn ich mir die Wahlergebnisse der letzten Wahlen so ansehe, denke ich, dass wir jetzt auf dem Stand sind, an dem wir ohne den Hype wären. Wenn man von Hypes getragen wird, verlernt man es, selbst zu laufen.
2009 wird nicht zurückkommen. Die alten Zeiten kommen niemals wieder. Aber es kommen neue Zeiten.
Ich fordere euch heraus: Zeigt mir, dass ihr es noch drauf habt.
Werft eure Demotivation auf den Müll. Wagen wir den politischen Neuanfang. Gründet Crews, plant politische Aktionen, schreibt Positionspapiere. Führt inhaltliche Debatten. Ich hätte gerne politische Debatten auf dem Mailinglisten in der gleichen Intensität wie sonst die virtuellen Wirtshausschlägereien.
Habt ihr das noch drauf? Das mit der Politik?

Ich muss noch einige Dankesworte zu sprechen. Als erstes muss ich dem letzten Landesparteitag danken. DANKE für dieses tolle Team, was ihr in den Landesvorstand gewählt habt. Ohne dieses Team hätten wir als Vorstand diese Parteikrise kaum überstehen können. Der Landesvorstand war gewiss nicht immer einer Meinung. Aber: Wir hatten Zusammenhalt. Kriegen wir das für den nächsten Landesvorstand wieder so hin?

Ich möchte Claudius Roggenkamp danken, der sich aufgrund seiner juristischen Expertise leider primär mit Ordnungsmaßnahmen befassen musste und seine politischen Ideen aufgrund der Parteikrise nicht zum Tragen kamen.

Ich danke Olaf Krüger für seine politische Arbeit, für seine Planungsarbeit, sein unfassbares Wissen, die vielen unglaublich guten Diskussionen und dafür dass er sein Amt nicht nur ernst nimmt, sondern auch perfekt ausfüllt.

Ich danke Klaus Jaroslawsky für die Nächte, die er sich mit den Buchungen für Rechenschaftsberichte und anderen Finanzkram um die Ohren geschlagen hat. Wir können uns glücklich schätzen, jemanden mit seinem Knowhow als Schatzmeister zu haben.

Ich danke Mark Huger für seine engagierten Reden, seine eigene Meinung, die uns oft genug half in schwierigen Situationen eine Position zu finden. Und dafür, dass er ein Satzungsnerd ist. Ich habe ihn nur unter erheblichem Protest an den Bund abgegeben.

Ich danke Marion Ellen für die richtigen Worte im richtigen Moment. Wie oft hat uns Marion wieder auf den Teppich geholt, wenn wir uns in Diskussionen vergaloppiert hatten. Danke auch für dein Engagement in der SG Digitale Medien, mit den Beauftragten und überhaupt für alles.

Ich danke Thomas Knoblich für seinen Job als zweiter Gensek, sein unfassbares Organisationstalent, seinen Sinn für Gerechtigkeit und sein gelegentliches Poltern. Es war bisweilen notwendig.

Danke auch an unseren Presseadministrator David Krcek für Knowhow, Zuverlässigkeit, Engagement und Organisationstalent. Der Mann, der schneller arbeitet als sein Schatten. Und der trotzdem politisch ist. David, ich wäre froh, mit dir in einem Vorstand sein zu dürfen.

Und auch Danke an Nadine Englhart, die in einer schwierigen Situation als Pressekoordinatorin einsprang und trotz der Kürze der Zeit und wenig Einarbeitung einen hervorragenden Job gemacht hat.

Parteivorsitzende zu sein, muss man lernen. Politischen Instinkt muss man entwickeln. Ein Jahr reicht dafür nicht aus. Ich will diesen Landesverband neu motivieren, sowohl personell als auch politisch weiterentwickeln, die innerparteiliche Bildung voranbringen, unsere Themen in Bayern stärken, weitere Volksbegehren auf den Weg bringen, Bündnisse eingehen und stärken.

Piratenwahlstöckchen

Wenn du die Wahl hättest, in welchem Bundesland würdest du wählen wollen?

In jedem Bundesland, in dem die Piraten antreten. Einfach, weil ich hier leider total parteiisch bin.

Warum wählst du die Piraten?

Ich wähle Piraten, weil ich es satt habe, dass Lobbyisten, Geheimdienste und multinationale Konzerne (zB durch TTIP) unsere Demokratie und unser Recht auf Selbstbestimmung immer weiter untergraben und jeder Schritt überwacht wird. Die Piraten sind weiterhin die einzige Partei in der Bürgerrechte, Datenschutz und Teilhabe eine zentrale Rolle spielen.

Welchen Sound, welche Musik oder welchen Ohrwurm hast du im Ohr, wenn du an gemeinsame Piraten-Aktionen denkst?

Nyan Cat

Welche Wünsche würdest du den Piraten des betreffenden Bundeslandes vor der Wahl mit auf dem Weg geben?

Mast- und Schotbruch! Nach der Wahl ist vor der Wahl. Wenn nicht diesmal, dann das nächste Mal.

Welche Wünsche hast du an alle Piraten (Mitglieder, nicht Instanzen)?

Bleibt bei der Sache, lasst euch nicht ablenken und lasst euch vor allem nicht kirre machen. Der politische Gegner sitzt überraschenderweise ausserhalb der eigenen Partei. Arbeitet euch an ihm ab, statt an euch selbst.

An wen wirfst du das Blogstöckchen weiter?

Theresa Kienlein
Anne Alter