Schon gestern ging es um Dinge, die man so fordern kann. Schauen wir uns einfach weitere Forderungen an. Das Sommerloch zeichnet sich am Horizont bereits ab, da tritt der Polizeipräsident von München an die Öffentlichkeit und fordert, nach Mitternacht an Tankstellen, in Bars, Clubs und Diskotheken und sonstigen Gastronomiebetrieben keine harten Spirituosen und damit hergestellte Mischgetränke auszuschenken. Davon verspricht er sich weniger alkoholinduzierte Gewaltdelikte. Die Eindämmung von Gewalttaten ist für sich betrachtet erstmal ein vernünftiges Ansinnen. Die Frage ist nur, ob das vorgeschlagene Mittel auch den vorgesehenen Zweck erfüllen würde.
Ich meine, wer sich wirklich "blöd und aggro" saufen will, kann das auch zu Hause oder bringt die Pulle einfach im Handgepäck mit. Die Anzahl derer, die dann des Nachts auf Spielplätzen oder vergleichbaren Orten die Kante geben würde sicher mit einem Ausschankverbot weiter ansteigen. Abgesehen davon, wird Schnaps auch in Supermärkten und im Getränkefachhandel verkauft. Wer sich wirklich geplant zulöten möchte oder hofft, dadurch gar eine verminderte Schuldfähigkeit zu erzielen, lässt sich von solchen Einschränkungen vermutlich nicht abhalten. Man geht einfach rechtzeitig einkaufen. Ein Griff in die Hausbar und dann geht es mit der Pulle im Rucksack raus auf die Straße. Das Problem wird nur verlagert. Menschen, die weniger erpicht aufs Picheln sind und das Verbot akzeptieren sind auch wohl eher nicht die Zielgruppe, die dann betrunken ihre Mitmenschen krankenhausreif prügelt.
Doch was bewirken Verbote? Man muß beispielweise nach Skandinavien schauen, wo Alkohol in Schweden nur in Spezialgeschäften verkauft werden darf. Das führt dann nach Auskunft einiger Schwedenkenner im Freundeskreis zu Bottleparties etwa bei schwedischen Jugendlichen, zu denen man nur kommen darf, wenn man ausreichend Schnaps zur Feier beisteuern kann. Das Besaufen funktioniert also trotzdem und die Nachbarländer leben ganz gut vom Schnapsshoppingtourismus der Schweden. Und wie ausgezeichnet eine totale Prohibition funktioniert, konnte man auch in den USA in den 1920er Jahren beobachten. Die organisierte Kriminaliät entwickelte sich seinerzeit dank Verbot zu einem florierenden Wirtschaftszweig. Auch die miese Qualität vom Schwarzgebrannten trug nicht wesentlich zur Verbesserung der Volksgesundheit bei. Dieses verbotsbedingte Qualitätsrisiko kann man übrigens auch bei weichen Drogen wie Marijuana beobachten, deren Konsum weit verbreitet ist. Der Konsum ist trotz des Verbots weit verbreitet, das gesundheitliche Risiko durch "Gewichtsoptimierung" beispielsweise durch Blei trägt der Konsument und am Ende auch die Gesellschaft. Das Geschäft jedoch machen andere und die führen keine Steuern und Sozialabgaben ab. Ach, ich schweife schon wieder ab...
Vielleicht möchte der Herr Polizeipräsident aber auch nur, daß wir alle häuslicher werden. Interessanterweise beklagen viele Leserkommentare auf diversen Zeitungswebseiten, daß des Nachts Menschen lärmend durch die Großstadt ziehen. Gut, daran kann man sich stören. Andererseits lebt man ja in einer Großstadt. Ich für meinen Teil finde gröhlende Besoffene auch nur mäßig begeisternd. Andererseits lebe ich ja in einer Großstadt, weil ich ein großes Angebot an Infrastruktur, Kultur, Nachtleben etc. haben möchte und da kann ich einfach nicht erwarten, daß etwa das Nachtleben nur dann stattfindet, wenn ich gerade Lust drauf habe und auch nicht nur dort, wo ich mich gerade aufhalte.
Die Umstände, die dazu führen, daß sich Menschen betrinken und dann aggressiv werden, lassen sich durch "Sendezeiten" für bestimmte Getränke nach meiner Ansicht kaum beeinflussen. Der Exzess erfordert einfach nur ein wenig mehr Planungsaufwand. Die beabsichtigten gesellschaftlichen Effekte darauf zu gründen, das die betreffende Klientel dafür zu dumm oder zu spontan ist, ist wohl eher sandiger Baugrund.