Das Oktoberfest ist vorbei und ich komme endlich dazu mal einen Artikel über Trachten(mode) zu schreiben. Anlaß für diesen Artikel ist die doch recht ansehnliche Zahl von Leuten, die über Pseudotrachten schimpfen und sich über die Flut an Billigdirndln aufregen und über die Verwendung von schillernden bunten Stoffen, am Schlimmsten noch mit Glitzer. Und überhaupt sei das ja alles total pseudomäßig und überhaupt keine echte Tracht. Klar, die Wiesn hat auch einen deutlichen Zug karnevalistischer Verkleidung. Und ich persönlich finde Glitzer auch nicht schön, aber das ist nicht unbedingt auf das Wiesngwand beschränkt.
Ich meine aber, man muß auch Kleidungsstücken wie dem Dirndl zugestehen, ein Anrecht auf eine (modische) Weiterentwicklung zu haben. Viele der Stoffe, die heute zu gescholtenen "Modedirndln" verarbeitet werden, gab es zur Entstehungs- oder Blütezeit des Dirndls noch gar nicht oder zumindest nicht als einigermaßen preiswerte Massenware. Wer weiss, wie die traditionellen Dirndln heute aussehen würden, hätten die Schneiderinnen damals solche Stoffe zur Verfügung gehabt? Auch diese Art von Kleidung ist immer geprägt von den Anforderungen (z.B. Feldarbeit) und der Verfügbarkeit von Materialien. Es wird verarbeitet, was verfügbar ist und was man sich leisten kann.
Und es gibt sicher auch bei den echten Trachten geschmackliche Entgleisungen. Es hat meiner Ansicht nach beides seine Daseinsberechtigung: Das traditionelle und das modische Dirndl. Das gilt analog natürlich auch für die Herrentrachten.
Man muß auch anerkennen, daß auch die vielgescholtenen Glitzerdirndl durch ihre Präsenz auf der Wiesn bzw in München auch zu anderen Anlässen zum Erhalt und zur Akzeptanz dieser Art Kleidungsstück beitragen. Denn solche Kleidung lebt jenseits ihres ursprünglichen Verwendungszwecks nur dann weiter, wenn sie auch im Alltag oder auf Festen getragen wird und nicht nur im Museum hängt. Echte Trachten sind einfach auch sehr teuer und das kann sich auch nicht jeder leisten, selbst wenn derjenige gerne mal ein traditionelles Kleidungsstück anzieht, auch ausserhalb der Wiesnzeit. Ausserdem, was trage ich als Jemand, der nicht in Bayern geboren ist und aus einer Gegend stammt, wo es keine wirkliche Tracht gibt?
Die Jeans war und ist übrigens eine Arbeitshose und gleichzeitig ein modisches Kleidungsstück, welches dem Wandel unterworfen ist.